Kapitel 6

(VI) Die Anwendung von LSD

Dieses Kapitel behandelt beide Bereiche, in denen LSD eingesetzt wird, einerseits die medizinische (legale) Nutzung und die illegale Nutzung als Rauschmittel.

(VI.A) Medizinische (legale) Nutzung

LSD sollte, nachdem man seine starke Wirkung erkannt hatte und es schon an Menschen getestet wurde, zur Unterstützung der Psychotherapie an Patienten dienen. LSD eröffnet aus der psychotherapeutischen Sicht einen breiten Zugang zum Unterbewusstsein des Menschen. Entweder soll es unerträgliche Spannungen in der Psyche des Menschen offenbaren und die Ursachen verschiedener Symptome (Depressionen, psychosomatische Schmerzen) offenbaren. Während des Rauschzustandes lassen sich diese Ursachen offenbaren, was über die Ideen der klassischen Psychoanalyse mit der Deutung von Träumen und freien Einfällen hinausgeht. Die zu analysierenden Eindrücke treten bildhaft während des LSD-Rausches in das Bewusstsein des Patienten. Diese Bilder können den Patienten erschrecken und/oder ggf. persönlich weiterbringen. Starre Ideen können durch die erlebten Halluzinationen aufgelöst werden und dem Menschen eine neue Selbstverständlichkeit von sich selbst bringen. Die psychedelische Erfahrung ist in der Lage, die bei einer Neurose ungünstigen, bedingten Reflexe auszulöschen. Eine Gefahr birgt die Behandlung jedoch auch: Wenn der Patient von der Wirksamkeit der Droge zu überzeugt ist, gewinnt er den Eindruck, er müsse nichts zum Therapieerfolg beisteuern und die Droge würde das für ihn erledigen. Diese Idee bildet ein gewisses Gefahrenpotential, dass sich während des Rauschzustandes entladen kann. Der Patient reagiert dann mit Angst, Panik oder einer längeren Psychose, falls unbewusstes Material oder völlig neue Eindrücke über ihn hereinbrechen. Solche Fälle waren zwar selten, jedoch warfen sie die Frage auf, ob die potentielle Gefahr nicht größer als der Nutzen wäre.

In einer Fragebogenstudie, in der ca. 25000 Experimenten an 5000 Patienten ausgewertet werden kommt Sydney Cohen zu dem Ergebnis, dass einer von 550 Patienten eine länger andauernde Psychose davongetragen hatte. Selbstmordversuche traten bei einem von 830 Patienten auf und vollzogene Selbstmorde bei einem von 2500 Patienten. Diese Zahl wiegt jedoch relativ schwer. Die hier genannten Zahlen beziehen sich auf Experimente mit ärztlicher Überwachung bei illegaler Nutzung ist das Gefahrenpotential weit höher (vgl. VI.C.3)! Folgende Schlüsse sind aus dieser Betrachtung zu ziehen:

  1. Die Erfahrungen, die während eines LSD-Rausches gemacht wurden, sind nur dann therapeutisch von Nutzen, wenn der Patient sorgfältig überwacht wird, Therapeut und Patient einander kennen und eine Vertrauensbasis besteht. Eine Nachbesprechung des Erlebten und eine Einordnung in die Persönlichkeit des Patienten ist für den Erfolg der Therapie unerlässlich.
  2. Geisteskranke und Patienten, die Grenzfälle zur Geisteskrankheit darstellen, gesundete Geisteskranke sowie depressiv oder paranoid veranlagte Patienten sind von der Benutzung von LSD auszuschließen.
  3. Ebenfalls sind Patienten auszuschließen, bei denen ein Gefahrenpotential zur psychischen Gewöhnung an LSD besteht.
  4. Resultate der Forschungen sprechen gegen eine Beschleunigung des Neulernens in der Psychotherapie durch LSD. Dennoch fördert es die Einsicht in die eigene Krankheit und den persönlichen Wunsch zur Änderung.
  5. Der Therapeut sollte die LSD-Effekte aus eigener Erfahrung (Selbstversuch) kennen.

Studien über die Wirksamkeit von LSD als therapeutisches Mittel, welche von Anhängern des Psychedelismus angefertigt wurden, weisen eklatante wissenschaftliche Mängel auf. Meistens sind diese methodischer Art und so gravierend, dass die tatsächliche Aussagekraft angezweifelt werden kann. Die Ausschlachtung durch die Medien verschafften LSD einen Ruf, den es Psychotherapeuten unmöglich machte, LSD einzusetzen, ohne Ansehen, wissenschaftliche Anerkennung und ihre Patienten zu verlieren.

Nachdem die Popularität von LSD bis heute immer weiter abgenommen hat und die Erinnerung an die "Schauermärchen" langsam verblasst, wagen sich Wissenschaftler wieder an die Forschung mit Hilfe von LSD. Es werden auch neue Forschungsgebiete aufgetan: Psychische Krankheitsbilder sollen sinnlich und biochemisch nachvollzogen werden, es sollen Erkenntnisse über die Wirkung von Drogen und über die Funktion des menschlichen Gehirns gewonnen werden. Des weiteren soll (wieder) die Möglichkeit zum therapeutischen Einsatz an psychisch Kranken erforscht werden. Durch die rasante Entwicklung der Technik lassen sich Wirkmechanismen besser erkennen und deuten. In Deutschland ist bisher nur der Pharmakologieprofessor Karl-Arthur Kovar in Besitz einer Erlaubnis von der Bundesopiumstelle, Halluzinogene selbst herstellen zu dürfen.

Ein bedeutendes Beispiel für einen gelungenen Einsatz von LSD ist der israelische Schriftsteller Yehiel De-Nur, er war ein Häftling des Konzentrationslagers in Auschwitz. Noch dreißig Jahre nach seiner Befreiung wurde er von grausamsten Vorstellungen verfolgt, auch eine Psychotherapie brachte ihm keine Befreiung. Erst eine Therapie mit LSD-Unterstützung brachte Abhilfe. Sein Buch "Ich bin der SS-Mann" ist das Protokoll seiner Seelenreise.

(VI.B) Militärische Nutzung

LSD und seine Wirkung wurde in den Vereinigten Staaten beim Militär und bei der Central Intelligence Agency (CIA), dem US-amerikanischen Geheimdienst erforscht. Man erhoffte sich, es bei Verhören als "Wahrheitsserum" oder zur Erleichterung der Suggestion bestimmter Personen einzusetzen. Auch wurde seine Wirkung als C-Waffe (chemischer Kampfstoff) erprobt.

Jedoch waren die Methoden der LSD-Forschung alles andere als wissenschaftlich korrekt oder menschenwürdig. Meistens wurde LSD an völlig ahnungslosen Personen (Militärpersonal oder Zivilpersonen) getestet. Sie bekamen es mit einer beliebigen Flüssigkeit verabreicht und wurden im Dunkeln darüber gelassen, was ihnen verabreicht wurde. Dementsprechend unangenehm waren die Rauschzustände: Die Versuchspersonen wussten nicht, wie ihnen geschah und versuchten, gegen diese unheimliche Kraft, die von ihnen Besitz ergriffen hatte, anzukämpfen. Ihre Eindrücke waren durchweg negativ, im Gegensatz zu dem Rausch, den bewusste Konsumenten erleben. Ein Militärangehöriger namens Dr. Olson verlor während des Rausches sein Leben, da er aus einem Fenster sprang. In den späten 80er Jahren wurden die Ergebnisse aufgrund eines US-amerikanischen Gesetzes veröffentlicht, der Familie des damals getöteten Soldaten wurde öffentlich das "Bedauern der Nation" ausgesprochen. Eine andere unfreiwillige Versuchsperson verklagte das Militär auf 20 Milliarden US-Dollar, da er seiner Aussage nach seit seinem Rausch zu einem "emotionaler Krüppel" geworden war und sich in der Gesellschaft sowie im Berufsleben nicht mehr zurecht finden konnte.

Ein weiterer Fall, in dem die "Versuchsperson" nichts davon wusste, dass ihr LSD verabreicht wurde, ereignete sich schon lange vor der Nutzung durch die CIA in der Schweiz. Ein junger Arzt füllte seinem Kollegen LSD in den Kaffee, dieser musste dann davon abgehalten werden, den Zürichsee zu durchschwimmen, da es tiefster Winter war und Temperaturen unter - 20C herrschten.

Weitere Versuche wie z.B. in der ehemaligen Sowjetunion, China oder in der DDR sind nicht bekannt, dennoch gab es auch dort Mediziner, die schon damals auf dem Gebiet der Erforschung von Halluzinogenen tätig waren. Inwieweit die Ergebnisse ihrer Studien wissenschaftlichen medizinischen Charakter hatten oder sie zur Entwicklung neuer Verhörmethoden beigetragen haben, ist nicht zu erschließen.

(VI.C) Illegale Nutzung als Halluzinogen

(C.1) Die Erklärung von Sandoz 1966 (und andere Publikationen)

Wie bereits in der Geschichte von LSD erwähnt wurde, befand sich LSD 1966 auf dem Höhepunkt seiner Karriere als nichtmedizinisch genutztes Rauschmittel. Sandoz veröffentlichte eine Erklärung, in der bekannt gegeben wurde, dass die Abgabe von LSD-25 ab sofort gestoppt wird. Durch die offizielle Erklärung wurde durch den Hersteller Sandoz selbst LSD-25 den halluzinogenen Rauschmitteln zugeordnet: "LSD und Psilocybin sind Präparate aus der Gruppe der sogenannten Phantastica oder halluzinogenen Stoffe, das heißt Präparate, welche namentlich die Sinneswahrnehmung beeinflussen. [...] Dank sehr strenger selbstauferlegter Vorsichtsmaßnahmen war es möglich, einen Missbrauch dieser Substanzen zu verhindern. Leider hat sich jedoch in jüngster Zeit, namentlich unter Jugendlichen im Ausland, ein zunehmender Missbrauch halluzinogener Drogen bemerkbar gemacht. [...] Entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass in jüngster Zeit gewisse Ausgangsmaterialien für die Herstellung von LSD im Chemikalienhandel allgemein zugänglich wurden, sodass die Produktion auch unverantwortlichen und vornehmlich am Schmuggel und Schwarzhandel solcher Stoffe interessierten Kreisen möglich wurde. [...] sind wir in Anbetracht der neuen Lage zu der Überzeugung gelangt, dass wir die Verantwortung für die Verteilung und Abgabe dieser Substanzen nicht mehr übernehmen können. Es wird Sache der Behörden sein müssen, adäquate Maßnahmen zur Kontrolle von Produktion und Verteilung von halluzinogenen Stoffen zu treffen, um zu gewährleisten, dass einerseits legitime Forschungssinteressen gewahrt bleiben und andererseits missbräuchliche Verwendung verhindert werden kann."

LSD-25 war damit weltweit geächtet als Rauschmittel, die Abgabe gesperrt und die Politiker dazu aufgerufen, gesetzliche Bestimmungen zu erlassen. Durch weitere allgemeinwissenschaftliche Publikationen und "Schauermärchen" in populären Zeitungen geriet LSD-25 immer mehr in Verruf als halluzinogenes Rauschgift.

(C.2) Illegale Herstellung

Genaue Orte anzugeben, wo LSD produziert wird, ist natürlich schwierig, da die Produktion illegal ist und strafrechtlich verfolgt wird. Daher kann man von den Produzenten keine Informationen über Produktionsorte und produzierte Mengen erwarten. Daher bin ich bei der Beschreibung der Herstellung auf die Angaben der Behörden angewiesen, die sich mit dem Kampf gegen Drogen beschäftigen. Hier bildet die Drug Enforcement Administration (DEA), die als Behörde des U.S. Department of Justice auf den Kampf gegen Drogen spezialisiert ist, die umfangreichsten Informationen. Sie hat einen umfangreichen Bericht über die Herstellung, den Handel und die Verbreitung von LSD in den Vereinigten Staaten herausgegeben. Dieser liegt mir vor und nutze ich ihn, um die heutige Situation in den Vereinigten Staaten darzustellen. Folgende Erkenntnisse werden im Bericht erwähnt, hier werden sie übersetzt und zusammengefasst dargestellt:

"Die Kosten für eine zwischen 20 bis 80 Milligramm (1960-1970: 100 bis 200 Milligramm) enthaltene Dosis liegen bei Zwischenhändlern bei 1$-2$ und im Straßenverkauf um 5$. Die am meisten gebräuchliche Form des Verkaufes ist die des getränkten Papiers, aber auch Tabletten und LSD enthaltene Gelatine wurden gefunden. Verbreitung und Verfügbarkeit von LSD sind in den Jahren 1990-1992 angestiegen. 13,2 Millionen US-Amerikaner, die zwölf Jahre oder älter waren, haben LSD in ihrem Leben mindestens einmal LSD konsumiert (1985: 8,1 Millionen).

Nur etwa ein Dutzend qualifizierter Chemiker sind für die Produktion des in den Vereinigten Staaten erhältlichen LSD verantwortlich. Der Kreis der Produzenten und Verteiler des LSD kann in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die erste ist in Nord-Kalifornien (San Francisco Bay) angesiedelt und besteht aus Chemikern ("Cooks") und Händlern, die alle in enger Verbindung miteinander stehen, sie sind die Hauptproduzenten des in den USA verfügbaren LSD. Die zweite Gruppe besteht aus unabhängigen Produzenten, die über die ganzen USA verteilt sind. Ihre Produktion wird meist zum lokalen Eigenverbrauch genutzt.

Das zur Synthese benötigte Ergotamintatrat wird aus Quellen in Europa, Mexiko, Costa Rica und Afrika bezogen. Dabei können aus 25kg dieser Ausgangssubstanz 5-6kg reines LSD gewonnen werden, was 100 Millionen Dosen LSD entspricht. Diese Menge würde den Jahresbedarf der USA ausreichend decken. Die tatsächliche Konzentration des LSD in auf der Straße erhältlichen Dosen beträgt nur noch 62%, wobei bei der Synthese LSD in hoher Reinheit von 95%-100% entsteht. Der Rückgang der Konzentration ist auf die Empfindlichkeit von LSD gegen Licht und Wärme zurückzuführen.

Der Handel mit LSD geschieht meistens nach dem gleichen Prinzip. Der Erstkontakt zwischen Käufer und Zwischenhändler wird auf Rockkonzerten bestimmter Bands vollzogen, wo meistens Telefonnummern, selten Adressen ausgetauscht werden. Die Band ist meistens an dem Handel beteiligt bzw. ist Mitwisser, die Rockband mit dem vermutlich höchsten "Handelsvolumen" ist die Band "Grateful Dead". Nach dem Erstkontakt fordert der Zwischenhändler die Dosen (meistens um 100 Stück) an und nach Eingang des Geldes über Postanforderung erhält der Käufer die geforderte Dosis noch bei der Rockband oder direkt in Nordkalifornien. Reinmengen an LSD werden in Größenordnungen von maximal neun Gramm befördert, da ab zehn Gramm eine weitaus höhere Gefängnisstrafe verhängt wird."

Über die Herstellung und den Handel in Deutschland und Europa waren keine schlüssigen Informationen zu erhalten. Dennoch bleibt eine Vermutung anzustellen: Aufgrund der liberaleren Drogenpolitik in den Niederlanden dürfte ein wichtiges Herstellungs- und Handelszentrum in Amsterdam oder anderen niederländischen Großstädten bzw. in den Grenzstädten liegen.

Über die Verfügbarkeit in der BRD sind nur indirekte Hinweise zu finden: so gibt es im Internet von einer Gruppe einen langen Text, in dem LSD-Testberichte zusammengefasst sind. Dabei beschreibt diese Gruppe den Ort des Kaufes, die Verunreinigungen oder Beimischungen, die vermutliche Dosis und die Wirkung im Eigenversuch. Dabei handelt es sich nicht um eine Gruppe von Wissenschaftlern, sondern um eine Laiengruppe. Aus den Berichten lässt sich erschließen, dass man vor allem in den deutschen Großstädten LSD beziehen kann. Dieses kommt nach Ausführungen der eben genannten Gruppe aus verschiedenen Staaten, darunter sind die Niederlande, die USA, Afrika und südamerikanische Staaten erwähnt.

Neben der gebilligten Nutzung von LSD in der Forschung und in der Medizin (Psychiatrie) ist der illegale Konsum von LSD durch Nichtmediziner bzw. sogenannte "Laiengruppen" der weitaus aufsehenerregendere Aspekt: Nur durch den vermehrten Konsum in den sechziger Jahren, die damit verbundenen Unglücksfälle und die intensive Berichterstattung darüber brachten LSD eine mit anderen Rauschgiften vergleichbare Popularität.

(C.3) Gefahren bei missbräuchlicher Nutzung

Das Risiko für Nachwirkungen und vor allem für Selbstmorde und andere Unglücksfälle ist bei der LSD-Nutzung in besonderem Maße gegeben, wenn keine (medizinische) Überwachung stattfindet. Ohne Hilfe nach eventuell einschneidenden Erlebnissen während des Rausches brechen die Konsumenten zusammen. Sie haben weder die Reife noch die Erfahrung, um mit dem Erlebten angemessen umgehen zu können. Oft führen diese Zusammenbrüche zu erheblichen Störungen des Sozialverhaltens und der Umwelt (Familie). Auch das seelische Gleichgewicht kann durch das plötzliche Fehlen entsprechender Abwehrmechanismen gegen traumatische Erlebnisse empfindlich beeinträchtigt werden. Albert Hoffmann selbst sagte zum Umgang mit LSD:

"Durch einen seinem Wirkungscharakter nicht entsprechenden leichtsinnigen Gebrauch, durch die Verwechslung in der Drogenszene von LSD mit einem Genussmittel, kam es zu all jenen Unglücksfällen und Katastrophen, die dem LSD bei vielen den Ruf der Satansdroge eingebracht haben. [...] Besondere innere und äußere Vorbereitungen sind notwenig, damit ein LSD-Versuch ein sinnvolles Erlebnis werden kann. Falsche und missbräuchliche Nutzung haben LSD für mich zu einem echten Sorgenkind werden lassen."

Neben den oben geschilderten längerfristigen Folgen, die LSD ein nicht zu verachtendes Gefahrenpotential verleihen, gibt es weitere Gefahren, die während des Rausches und wenig später auftreten können: Die akute Gefahr während eines Rausches ist der sogenannte "Bad Trip": Ein plötzlich auftretender akuter Angstzustand, in dem der (versprochene oder erwartete) Himmel zur Hölle wird. Der Betroffene sieht sich verfolgt von wilden Tieren, Teufeln und Menschen oder sieht sich von Folterknechten bedroht. Die Orientierung in der Realität kann zusammenbrechen, eine kurzzeitige Psychose ist die Folge. Dieser Zustand kann von selbst oder durch Zugabe eines Gegenmittels abklingen. Wenn der Zustand länger anhält, zeigt der Betroffene die Merkmale eines akut Nervenkranken, analog zu einem Fall der paranoisch-halluzinatorischen Schizophrenie und muss in eine Nervenklinik eingewiesen werden. Solche Reaktionen treten vor allem bei psychisch vorbelasteten bzw. bei psychisch nicht gesunden Menschen auf, diese Risikogruppe wäre von einem klinischen Versuch ausgeschlossen (vgl. VI.A). Jedoch besteht auch bei augenscheinlich psychisch vollkommen gesunden Menschen ein Gefahrenpotential für die Entstehung eines solchen Angstzustandes.

Des weiteren sind einige Unfälle (Unglücksfälle) während des LSD-Rausches geschehen. Ein Student lief vor ein Auto und rief "Halt!", er wurde durch den Aufprall sofort getötet. Auch sind Autofahrer unter Halluzinogen-Einfluss ein Risiko, da sie leichtsinnig und unüberlegt handeln. Genaue Zahlen über die tatsächlich durch LSD verursachten Unfälle sind nicht bekannt, da es im Körper sehr schwer nachzuweisen ist und eventuelle Nachweisuntersuchungen nicht vorgenommen wurden bzw. werden. Weit größere Gefahr geht nicht direkt von LSD aus, sondern von den in den gleichen Personenkreisen zu findenden weiteren Drogen oder mit weiteren Drogen vermischtem Material.

Eine weitere Gefahr geht von einem unerwarteten Rauschzustand aus, der zwischen einigen Wochen bis zu einigen Monaten nach dem eigentlichen LSD-Konsum auftreten kann. Er wird als "Flashback" oder als "Gratis-Trip" bezeichnet. Er ist meistens mit Angsterlebnissen oder Desorientiertheit verbunden und sind meist ähnlicher Natur wie die Phänomene, die während des eigentlichen Rausches auftraten, eine genaue Ursache für dieses Auftreten von Rauschzuständen ohne erneute Zugabe von LSD ist nicht bekannt, doch ist es unwahrscheinlich, dass noch im Körper verbliebenes LSD diesen Zustand auslöst. Eher werden sie durch Problemen (Eindrücke) ähnlicher Natur, wie jene, die bei der eigentlichen LSD-Sitzung auftraten, hervorgerufen.

Bei chronischem Konsum tritt keine Abhängigkeit psychischer oder physischer Art auf, daher gibt es auch keine Entziehungserscheinungen. Studien über chronische LSD-Benutzer geben jedoch nur Auskunft über die in eine Klinik eingelieferten Konsumenten, die einen "bad trip" erlebt haben. Daher sind diese Studien wenig repräsentativ oder aussagekräftig. Eine andere Studie, deren Kandidaten über eine Anzeige in einer einschlägig bekannten Zeitung gewonnen wurden, beschäftigte sich mit Konsumenten, die noch nie wegen einer negativen, traumatischen Erfahrung einen Psychiater oder Nervenarzt aufsuchen mussten. Die Studie ergab, dass die aus der Mittelklasse stammenden Personen zum Großteil (15 von 20) ihre Eltern hassten. Bei keinem der Dauerkonsumenten war LSD die erste Droge, mit der sie experimentiert hatten. Das Streben nach Einsicht und weniger die Neugierde brachte sie zum LSD-Konsum. Danach wurde LSD von den Kandidaten zur Steigerung der Sinneseindrücke verwendet. Die 20 Kandidaten wiesen überwiegend Kontaktschwierigkeiten, familiäre und berufliche Probleme sowie Charakter- und Verhaltensstörungen auf. Die bei den Kandidaten schon vor dem LSD-Konsum bestehenden psychischen Störungen wurden nicht beseitigt oder behoben, es brachte also keinen therapeutischen Nutzen für die Konsumenten.

Körperliche Gefahren

vermutlich Chromosomenbrüche und Missbildungen (vgl. V.I)

Psychische Gefahren vom Soforttyp

"Bad Trip" (Angstanfall), Unfälle

Nachhall-Psychose (Flashback)

völlig unerwartete akute Angstanfälle, Desorientiertheit

Gefahren bei chronischem Konsum

Persönlichkeits- und Charakterstörungen, berufliche oder familiäre Probleme, Kontaktschwierigkeiten

(Tabelle -1) Zusammenfassung: die Gefahren bei missbräuchlicher LSD-Nutzung

(C.4) Nutzung und Verbreitung

(C.4.i) Staaten und Epochen

LSD ist eine junge Droge, sie wurde erst 1938 entdeckt. Doch schon 1964, also 26 Jahre noch ihrer Entdeckung befand sich die Popularität von LSD auf ihrem Höhepunkt.

Früher wurden LSD-ähnliche Halluzinogene, die in Pflanzen enthalten waren, vor allem von mexikanischen Indianern konsumiert. Doch erst die hohe Wirksamkeit und die vielfältigen Effekte führten zu einer sehr raschen Verbreitung von dem Halluzinogen LSD in der gesamten (westlichen) Welt. Eine besondere Rolle bei der Einführung von LSD in die Gesellschaft und damit in die Drogenszene kommt Dr. Timothy Leary zu. Sein Lebenslauf und Einfluss auf die Verbreitung und Popularität von LSD und damit verbundene Wirkung auf das gesellschaftliche Leben vor allem in den USA soll im folgenden genauer beschrieben werden.

(C.4.ii) Vor der eigentlichen Entdeckung von LSD

Wie schon in der Geschichte des LSD (vgl. III.A) beschrieben, geht die erste zumindest durch LSD-ähnliche Stoffe hervorgerufene Wirkung auf das Mutterkorn zurück. Das Mutterkorn, dessen Gifte mit dem Getreide aufgenommen wurden, war jedoch für den Menschen so schädlich, dass die damalige Wirkung des Mutterkorns als Krankheit betrachtet wurde, der viele Menschen zum Opfer fielen. Erst die intensive Arbeit an den Alkaloiden des Mutterkorns und deren Folgeprodukten brachte das halluzinogen wirkende und bedingt ungiftige LSD hervor. Daher kann bis zur Entdeckung durch Albert Hoffmann und der unkontrollierten Verbreitung (vgl. folgenden Abschnitt) nicht von einem Drogenkonsum bzw. einem Drogenmissbrauch von Mutterkornalkaloiden gesprochen werden gesprochen werden.

Andere Halluzinogene waren zum Beispiel bei mexikanischen Indianern ("Zauberpilze") oder im asiatischen Raum (Opium) schon lange bekannt und verbreitet, fanden sie doch gelegentlich ein wenig Beachtung in der westlichen Welt. LSD war nicht das erste Halluzinogen, das es gab; es war das erste, das eine hohe Popularität in unserer Kultur erlangte.

(C.4.iii) Die sechziger Jahre und Timothy Leary

Dr. Timothy Leary hatte einen ganz besonderen Einfluss auf die Verbreitung von LSD in den USA. Er wurde später weltweit als "Drogenapostel" bekannt. Seit er in Mexiko 1960 "heilige Pillen" gekostet hatte und er seine Erfahrung als die "religiöseste seines Lebens" bezeichnete, widmete sich der damals noch an der Harvard - University in Cambridge, MA (USA) tätige Psychologie-Assistent der Erforschung der Wirkung und Anwendungsmöglichkeiten von Halluzinogenen. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Richard Alpert begann er an der Universität mit der Durchführung von Studien mit LSD und Psilocybin, dem extrahierten Wirkstoff der mexikanischen "heiligen Pilze". Die Wiedereingliederung von Strafgefangenen in die Gesellschaft, die Erzeugung von religiös-mystischen Erfahrungen bei Theologen und Geistlichen, die Förderung der Kreativität bei Künstlern und Schriftstellern mit Hilfe von LSD und Psilocybin wurden wissenschaftlich erprobt. Auch Aldous Huxley nahm an den Studien zeitweilig teil. Eine besonderer Punkt der Forschungen war die Frage, inwieweit das Umfeld, die Vorbereitung und der äußere Rahmen den Verlauf und den Charakter des psychedelischen Rauschzustandes beeinflussen können.

Im Januar 1963 sandte er Albert Hoffmann einen ausführlichen Bericht über die Studien und erzählte mit "begeisterten Worten" über die erzielten positiven Resultate. Gleichzeitig ging bei Sandoz eine von Leary unterzeichnete Anforderung über hundert(!) Gramm LSD (entspricht einer Million Dosen) und 25 Kilogramm Psilocybin (entspricht 2,5 Millionen Dosen) ein. Begründet wurde die enorme Quantität mit einer Ausdehnung der Studien auf Gewebe-, Organ- und Tierversuche. Die Firma Sandoz machte die Einfuhr abhängig von der Erteilung einer Einfuhrlizenz des United States Department of Heatlh, der Gesundheitsbehörde der USA. Umgehend erhielt die Firma Sandoz einen Lieferauftrag über die angegebenen Mengen und eine Vorauszahlung über 10.000 Dollar. Timothy Leary bestellte die Mengen jedoch nicht mehr als Angehöriger der Harvard-University, sondern als Präsident der von ihm gegründeten Organisation "International Federation for International Freedom (IFIF)". Als eine weitere Anfrage an die zuständigen Stellen der Universitäten ergab, dass diese die Weiterführung der Forschungen nicht billigten, wurde die Bestellung annulliert. Bald darauf wurden Leary und Alpert aus dem Lehrkörper der Harvard-University entlassen, da die anfänglich wissenschaftlichen Arbeiten und Testserien zu LSD-Parties geworden waren. Immer mehr (frei)willige Studenten drängten zu den Versuchen, die zu einem Spaß an der Universität wurden: "LSD als Fahrkarte für eine abenteuerliche Reise in neue Welten des seelischen und körperlichen Erlebens." Der LSD-Trip wurde zur neusten, aufregenden Mode der akademischen Jugend und breitete sich auf alle Hochschulen der Vereinigten Staaten aus. In einem Interview des "Playboys" sagte Leary später, dass weniger die gesteigerte göttliche Erfahrung, sondern die Wirkung als das Aphrodisiakum, das zur gesteigerten sexuellen Ekstase führte, der Hauptgrund für den LSD-Boom gewesen sei.

Nach seinem Ausschluss wandelte sich Leary ganz vom Dozenten der Psychologie zum Papst der psychedelischen Bewegung. Er gründete mit seinen Freuden der IFIF ein psychedelisches Forschungszentrum in Mexiko. Albert Hoffmann wurde zu einem Seminar eingeladen, er konnte jedoch aufgrund beruflicher Verpflichtungen die Einladung zu seinem eigenen Bedauern nicht annehmen. Das Forschungszentrum wurde jedoch bald wieder aufgelöst, da die mexikanische Regierung Leary und seine Anhänger des Landes verwies. Leary erhielt bald Hilfe von zwei jungen Millionären, die ihm einen Landsitz im Bundesstaat New York zur Verfügung stellten. Auf einer Indienreise 1965 konvertierte Leary zum Buddhismus und gründete ein Jahr später die League for Spiritual Discovery (in Initialen LSD). Leary, der den als Aufruf an die Jugend verfassten Spruch "turn on tune in drop out!" prägte, wurde als einer der Gründerväter der Hippie-Bewegung angesehen. Insbesondere das "drop out"; die Aufforderung, aus dem bürgerlichen Leben auszusteigen, seine bisherige Lebensweise hinter sich zu lassen, und sich dem eigenen inneren Universum zu widmen, nachdem man sich mit LSD angeturnt hatte, ging über die religiöse, psychologische oder psychedelische Bedeutung hinaus in gesellschaftliche, soziale und politische Bereiche. LSD-Konsum wurde zu einer Art Mutprobe, mit den eingenommenen Dosen wurde geprahlt. LSD wurde auch Uninteressierten in Getränke gemischt (mögliche Folgen des unbewussten Konsums siehe VI.B).

Leary wurde nicht nur zum erbitterten Gegner der Universitäten, sondern auch zum Dorn im Auge der politischen Behörden. Er wurde polizeilich überwacht, verfolgt und schließlich mit mehreren Gefängnisstrafen belegt. Die hohen Strafen jeweils zehn Jahre von einem texanischen und kalifornischen Gericht wegen Besitz von LSD und Marihuana und die später annulierte Verurteilung zu 30 Jahren Gefängnis wegen Marihuana-Schmuggels dienten dazu, den "Verführer und Aufwiegler der Jugend, den man nicht anders belangen konnte, hinter Schloss und Riegel zu bringen". Er wurde zum Märtyrer der psychedelischen Bewegung. In der Nacht vom 13. auf den 14. September 1971 gelang Leary die Flucht aus einem kalifornischen Gefängnis, er flüchtete in die Schweiz und bat um politisches Asyl. Am 3. November 1971 traf er dort Albert Hoffmann. Sie diskutierten über Learys "Verführung der unreifen Jugend zum Drogenkonsum" und seine Rolle als Verbreiter von LSD. Albert Hoffmann stellte ebenfalls fest, dass er nicht etwa ein unvorsichtiger, undifferenzierter Drogenapostel war, sondern sehr genau und deutlich zwischen psychedelischen und süchtigmachenden Drogen unterschied. 1972 trafen sie noch einmal zusammen, dann wurde es still um Leary. Er wurde nach einer erneuten Festnahme 1976 (vorzeitig) entlassen und beschäftigte sich mit Problemen der Psychologie im Weltraum und bekam keine Schwierigkeiten mehr mit den Behörden.

psychedelische Kunst (1968)LSD wurde zu der Droge der sechziger Jahre. Man nutzte sie einerseits um Selbsterkenntnis zu finden oder andererseits um gesteigerte Erfahrungen religiöser oder sonstiger Art zu machen. LSD wurde aufgrund dessen gerade an Schulen und Hochschulen, also bei gut gebildeten Menschen sehr populär und es wurde zu einer der ersten Modedrogen. Andererseits wurde LSD zum Zeichen einer Bewegung, die gegen das politische System, die Politiker und deren Politik gerichtet war. So wurde es gleichzeitig zur Verbindung vieler, die sich von der (US-amerikanischen) Gesellschaft abwendeten und ihr eigenes Leben (in Gemeinschaft) leben wollten.

Gerade in der Zeit der höchsten Popularität entstanden, wie Albert Hoffmann kurz nach der Entdeckung der Wirkung von LSD vermutete, viele Kunstwerke, in denen die schaffenden Künstler ihre Erfahrungen verarbeiteten.

(C.4.iv) Nach den sechziger Jahren

Der LSD-Konsum befand sich im Zeitraum von 1960-1970 auf seinem absoluten Höhepunkt. Bereits 1970 ergab eine Studie, dass die Popularität von LSD stark abgenommen hatte. Heute steht nicht mehr LSD an erster Stelle der populären Rauschdrogen. Es ist zwar leicht erhältlich, wird auch konsumiert, jedoch hat es seinen Rang als populärste und meistkonsumierte Droge an andere Rauschmittel abgegeben.

Einige damalige Anhänger der psychedelischen Bewegung verfolgen vermutlich auch heute noch das Leben der Menschen, die mit der Gesellschaft nicht das geringste zu tun haben wollen. Einige dieser Menschen haben im Internet Seiten, wo sie sich vorstellen, über ihre Erfahrungen mit LSD (und anderen Halluzinogenen) berichten und ihre Kunst ausstellen.

(C.4.v) Mystik und Religion

Viele Rauschdrogen fanden ihren Weg aus den religiösen und mystischen Bereichen in die wissenschaftliche Forschung und zielgerichtete medizinische Anwendung. LSD bildet eine einzigartige Ausnahme, es wurde zuerst wissenschaftlich eingesetzt und fand dann seinen Weg in die Mystik und Religion. Aldous Huxley war einer der Vorreiter des mit Hilfe von Rauschdrogen induzierten mystischen Erlebens. Doch im Bereich der mystischen Verbreitung von LSD spielt Timothy Leary eine entscheidende Vorreiterrolle; 1962 wurde zum Beispiel von ihm über mystische Erlebnisse während eines Karfreitagsgottesdienstes berichtet.

Die Halluzinogene steigern den Einfluss auf die religiöse Haltung zu starker, mystischer Intensität. Dabei muss die Einstellung gegenüber der Droge und der Religion positiv sein, da sonst ein unmystisches Erleben während des Rausches stattfindet. Die religiösen Erlebnisse lassen sich vor allem auf die gesteigerte Suggestibilität der berauschten Personen zurückführen. So ist es wahrscheinlich, dass ein tief religiöser Mensch ein mystisches Erlebnis erfährt, wenn er berauscht an einem Gottesdienst teilnimmt. Jedoch lässt es unser Wissen über die Neurophysiologie und die Wirkung der Drogen nicht mehr zu, dass wir glauben, dem leibhaftigen Gott tatsächlich gegenüber zu stehen. Das ist bei Naturvölkern oder anderen Personenkreisen natürlich nicht der Fall, dort ist das "Gotteserlebnis" von wesentlich stärkerer Intensität.

(C.4.vi) Personenkreise

Kurz nach seiner Entdeckung wurde LSD von den Mitarbeitern Albert Hoffmanns getestet, danach von Psychologen. Nach Tierversuchen wurde es an Menschen ausprobiert. Albert Hoffmann vermutete schon nach seinem zweiten Selbstversuch, dass LSD von Geisteswissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern konsumiert werden würde. Und tatsächlich waren sie die ersten, die LSD konsumierten. Doch bald fand es mit nicht unbedeutender Hilfe Timothy Learys seinen Weg in die meisten Hochschulen der Vereinigten Staaten. Von da an geschah der Konsum weder aus wissenschaftlichem Interesse oder dem Wunsch nach Selbsterkenntnis, vielmehr war LSD zu einer Modedroge geworden. Es verbreitete sich in die gesamte westliche Welt, wobei es überwiegend von Schülern, Universitätsstudenten und Anhängern der psychedelischen Bewegung konsumiert wurde.


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